Ruder-Club Aken e.V.

RCA Rudern

Eine Tagesfahrt im Doppelzweier ''ohne'' am 11. September 1921

Aken - Magdeburg - Aken

Beim trüben Schimmer einer Kerze kleideten wir uns um, dann das Boot aus dem Stall und zu Wasser gebracht. Uns schien weder Sonne noch Mond. Dafür plätscherte auf einmal ein gemütlicher Regen herunter. Nichtsdestotrotz befrachteten wir unser Schiff, hievten den Anker und stachen in See. Ringsum das große Schweigen, nur unterbrochen durch das Schurren unserer Rollsitze und das leise Knacken der Dollen beim Anriß. Die Tiere des Waldes und die Fische im Wasser schienen noch in süßen Träumen zu liegen. Kein Käuzchen ließ sich vernehmen.

Jetzt regnete es immer ärger, und als nun auch ein rauher Westwind um unsere Ohren säuselte, dachten wir voller Wehmut im Herzen und bebbender Gänsehaut am Körper an unsere behaglichen molligen Betten, die wir so schnöde verlassen hatten. Wir griffen daher tüchtig in die Riemen, um warm zu werden, und als wir die Steckbyer Lichtung erreichten, fing es drüben, hinter Steutz, zu dämmern an.

Nun wurde es auch im Walde wach. In den Schöneberger Anhöhen riefen die ''Kuckkücke'', vom Lödderitzer Forst strichen ein paar Reiher heran und ein alter Ikelei schob seinen schäbigen Kopf aus dem Wasser und wunderte sich, wo wohl so in aller Herrgottsfrühe schon ein Boot herkommen könnte. Wir blieben indes die Antwort schuldig und machten, daß wir vom Fleck kamen, denn eine neue Regenwand rückte näher und näher. Drum im Renntempo immer rupps - weg, rupps weg, Füße gegen das Stemmbrett und hoch den Oberkörper.

 

Wir erreichten gerade die Tochheimer Fährbuhne, als es in Strömen runtergoß, plitschte, platschte, prasselte. Drum schnell aus dem Kasten, Futterkiste ergriffen und im Dauerlauf nach dem ''Hotel zum Mückenfraß''.

Wir klopften Generalmarsch. Endlich öffnete sich im ersten Stock ein Fenster - eine rote ansehnliche Nase nebst grauem Schnauzbart wurde sichtbar. ''Hummel-Hummel, wat wollt Ihr denn schon um viertel Sechse in Tochheim? Ihr hebbt ja nich mal en Slips um!'' Wir komplettierten den Hamburger Schlachtruf, worauf sich unser lieber Freund mit einem zufriedenen ''schon gut, Ihr Ruderkerle, ich komme'', zurückzog.

Bald darauf saßen wir in der Küche, um den gemütlichen warmen Herd, und während der Regen gegen die Scheibe klatschte und das Kaffeewasser lustig brodelte, graunzte uns der Wirt so allerhand Anekdötchen, Histörchen und Witze vor.

Gegen acht Uhr hörte es auf zu regnen, der Alte riß ein Fenster auf, beschnüffelte die Gegend und sagte: ''Jungs, Ihr könnt man getrost fahren, Ihr kriegt den ganzen Tag keen' Tropfen mehr ufn Kopp, höchstens noch verschiedene in'n Magen.'' Das klang verheißungsvoll. Wir verabschiedeten uns und brachen auf. Das Boot allerdings mußten wir erst einmal umwenden, denn es soll nicht zu des Lebens Annehmlichkeiten zählen, in einer Sitzbadewanne auf der Elbe rumzujökeln. Dann aber gings mit frischen Kräften weiter.

Die Saale brachte uns von den fröhlichen Thüringer Bergen heiteren Sonnenschein mit, und wir sahen Barby mit seinem schönen Kirchturm im Sonnenglanz liegen. Bald wurde die Brücke durchfahren und Kurs auf die Nuthemündung genommen. Hier roch es so angenehm nach Zwiebeln. Schließlich kein Wunder. Dieser Fluß durchquert ja auf seinem Lauf das ehrwürdige ''Zibbelzerbst''. Schnell entwichen wir diesem Ort, denn an Brägenwurst denken und keine haben, bleibt immer ein Defekt, den keine noch so phantasievolle Vorstellung ausgleicht. Nach einem halben Kilometer tauchte vor uns Schloß Dornburg auf. Es soll so viele Fenster haben als Tage im Jahr sind. Die arme Minna! Wie sie's bloß schaffte, wenn das große Fensterputzen war!

Die ''Alte Elbe'', die kurz hinter der Ziegelei Dornburg nach Pretzien abbiegt, ließen wir links liegen und steuerten auf die Glinder Kirche zu. Die Sonne meinte es jetzt wirklich gut, und so brauchten wir keinerlei innerliche Heizung. Außerdem war bei uns der Tatendrang erwacht und so fraßen wir die Kilometer.

Die Pfeiler der Tafeln, die von tausend zu tausend Metern auf dem rechten Elbufer aufgestellt sind, flogen nur so an uns vorbei, als ob es ein Gartenzaun wäre. Und unversehens waren wir in Schönebeck und hätten um ein Haar die dortige Brücke entzweigefahren.

Die ganze Elbe von Schönebeck bis Magdeburg ein Freibad. Jede Buhne ein Ankleideraum. Damen von geradezu beunruhigender Schönheit der Formen. Und es gab genug Momente, wo wir stoßseufzerten: ''Verweile doch, du bist so schön!'' Ungern schieden wir von der Stätte so vieler ''Kostbarkeiten'', schlängelten uns mit vieler List und Tücke durch eine Unzahl kreuzender Segelyachten, eine Flottille von Ruderbooten und Sonntagsjöklern, ein Geschwader von Paddelfritzen und landeten endlich mittag ein Uhr am Bootssteg des M.R.C. .

Allzu kurz war leider unsere Zeit bemessen; und um drei Uhr starteten wir , um den schwierigsten Teil unseres Ausfluges, die Bergfahrt in Angriff zu nehmen. Das war ja nun weniger schön, aber es mußte geschafft werden. Bis Schönebeck ging alles klar. Wir waren bis dort nur 13-mal aufgefahren und hatten jeweils mit dem Freimachen des Bootes Zeit verplempert. Hinter Schönebeck genau dasselbe: Buhnen ausfahren gänzlich unmöglich. Es war ja in dem heißen Sommer 1921 und die Elbe hatte kein Wasser.

Auch unsere Kehlen waren mit der Zeit - infolge des Sonnenbrandes - ganz ausgetrocknet, ja geradezu amerikanisch geworden und so waren wir froh, als wir sie in Glinde erst einmal anfeuchten konnten. Wir faßten wieder frischen Mut und die Skulls, redeten dem Teil unseres Körpers, den man gemeinhin zum Sitzen zu benutzen pflegt und der beim Rudern wohl guten Willen, häufig aber recht empfindsam Fleisch hat, gut zu - und weiter gings, langsam vorgerollt, hoch den Oberkörper und laaang den Schlag. Bis zur Dornburger Ecke möchte es angehen, wir waren schnell vorwärts gekommen, doch von hier an schien die Elbe nur noch aus Sandbänken zu bestehen. Nun fing die Krebserei und Nuddelei wieder an.

Der Bootshaken war mehr in Tätigkeit als der Riemen, und wir waren schließlich gezwungen, um dem lästigen Auffahren zu entgehen, ''Mitte Bach'' weiter zu strampeln. Naturgemäß war hier sehr starker Strom, und wir kamen bloß schrittweise weiter.

Schon versank der glühende Ball der Sonne im Westen. Es war mittlerweile acht Uhr und recht dunkel geworden. Nach einer halben Stunde verdrießlicher Fahrt in Dunkelheit und Nacht lagen wir längsseits der Barbyer Badeanstalt, um dort den Mondaufgang abzuwarten. Bald war denn auch - bei der sauberen Beleuchtung - die Fähre von Ronney erreicht. Dort hatten wir morgens einen Angler gesehen, und, weiß Gott, der Mann war noch da und poeltelte noch immer: ''Denn an dem Ufer saß er lange Tage, voll Sehnsucht einen Fisch zu schnappen suchend.''

Wir störten ihn nicht in seiner beschaulichen Tätigkeit, wir hatten genug mit uns und unserem Boot zu tun. Das war ein Zappeln und Würgen, im Gesicht nun doch allmählich eine gewisse Müdigkeit und zerschlagen in allen Gliedern.

Es war die reine Trauerparade. Keiner von uns beiden sprach ein Wort. Langsam, langsam kam das Boot vorwärts. Jetzt rund um die Ecke, noch zwei, drei Buhnen weiter, nach dem anderen Ufer rübergewechselt, die zweite Ecke und dann die lange gerade Strecke. Immer im Takt: Auslage, Anriß, Durchzug. Müde und matt, aber immer langsam weiter. Schweißtropfen! Ach was, Zähne zusammen! Auch das wurde geschafft. Und immer ruhig weiter. Von Steckby schlug die Turmuhr zwölf. Die Stunde, von der der Sänger sanft flötet: ''Komm, fein's Liebchen, komm ans Fenster! Alles still und stumm. Nur Verliebte und Gespenster wandeln noch herum.''

Und zwei von allen Dampfern verlassene Ruderer! Doch wir hatten keine Lust, noch mit Steckbyer Dorfschönen zu kammerfensterln. Nach der Heimat zogs uns wieder, ''wo die frommen Lämmer'' sind.

Von fernher winkte die Hafenspitze. Das gab uns frischen Mut, die Muskeln spannten sich, und Ede behauptete, er könne sogar noch ein Rennen kloppen. Auf Ehre! Aber wir waren doch recht froh, als nun der Werder und unserer Bootsschuppen in Sicht kamen, und auch der gute Kolumbus kann nicht froher gewesen sein, als ihm seinerzeit der Mann aus dem Mastkorb ''Hallo, Bootssteg'' zubrüllte, wie wir, als wir uns nun von unserem Fahrstuhl erhoben, um endlich wieder festes Land unter den Füßen zu haben. Die immer hilfsbereite Frau Dieme eilte mit ihren Küchenmannschaften herbei und half uns, das Boot zu bergen. Dann gingen wir nach Hause, um der wohlverdienten Ruhe zu pflegen, und während des Einschlafens hörte ich noch lange den Rollsitz quietschen und die Dollen knacken.

F. Weps